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(K)ein Abschied

Klaus-Dieter war schon seit ein paar Monaten nicht mehr richtig fit, aber seinen 85. Geburtstag wollte er noch feiern. Er hatte schon vor ein paar Jahren das Haus überschrieben und eine Bestattungsvorsorge abgeschlossen.

„Man kann ja nie wissen!“ hatte er gesagt, aber sonst hatte er nicht weiter über den Tod nachgedacht. Er war in seinem Leben selten zur Kirche gegangen, aber nun stelle er jeden Sonntag den Fernsehgottesdienst an. Seine Tochter Stefanie kam regelmäßig rüber und die Beiden redeten über alles Mögliche, nur darüber, wie das mal sein würde, wenn es mit ihm zu Ende gehen würde, darüber redeten Sie nicht. Wenn er davon anfing, sagte Stefanie: „Du kannst noch viele Jahre leben!“ und damit war die Sache erledigt. Mit diesem Thema hatte sie ihre Probleme.

Aber eigentlich hatte er es gut. Wenn Enkeltochter Emilia vom Kindergarten kam, kam sie gleich bei ihm vorbei und erzählte, was sie so erlebt hatte.  Und irgendwann tauchte auch Enkelsohn Felix auf, fragte, wie es ihm geht, brachte Opas Handy in Ordnung, hörte interessiert zu, wenn Opa von früher erzählte oder sprach mit seinem Opa über Dinge, die er seiner Mutter nicht sagen wollte. Opa war halt seine Vertrauensperson.

Nun kam der große Tag und Klaus-Dieter staunte, wie viele Überraschungen seine Familie geplant hatte. Stefanie hatte schon vor einer Weile nach einem Restaurant Ausschau gehalten, wo man schön feiern konnte, aber dafür war Opa nicht mehr stark genug. So kamen Verwandte, Freunde und Nachbarn ins Haus und dann tauchte auch noch der Pfarrer Frohmuth auf, umarmte Klaus-Dieter und brachte eine schöne Urkunde mit einem wunderbaren Bibelspruch. „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen!“

Den ganzen Tag über war was los gewesen, das war für Klaus-Dieter schön, auch wenn er schließlich etwas angestrengt aussah. Als die letzten Gäste sich verabschiedet hatten, setzte er sich in seinen Sessel, um ein kleines Schläfchen zu machen. Stefanie räumte inzwischen das Geschirr in die Spülmaschine und stellte all die Blumen, die die Gäste mitgebracht hatten, ins Wasser.  Als sie wieder rein kam, fand sie ihren Vater ganz zusammengesackt im Sessel vor. Sie rannte gleich zum Telefon und wählte die 112 und staunte, wie schnell die Rettungssanitäter kamen und sich um Klaus-Dieter kümmerten. Sie wollten ihn noch beatmen, aber sie sahen, dass das schon zu spät war. „Lassen Sie das!“, hatte Stefanie noch gesagt, er hat eine Patientenverfügung unterschrieben. Und es war ja auch klar, er war sanft entschlafen, so wie er sich das immer gewünscht hatte. Die Sanitäter gingen und sagten dem Arzt Bescheid, damit der den Totenschein ausstellen sollte. Einer von der Mannschaft hatte ihr noch angeboten, die Pietät zu informieren. Aber sie kannte den Erik Sauer ganz gut und rief selber an. Der kam auch gleich und sagte: „Liebe Stefanie, jetzt sind wir mal nicht so hektisch. Über die Bestattung und die Formalitäten können wir noch morgen reden. Jetzt kannst du dir noch mal Zeit nehmen, und dich von deinem Vater verabschieden!“ Und er half ihr, ihren Vater auf das Sofa zu legen, wo er immer seinen Mittagsschlaf gehalten hatte und drückte ihm die Augen zu. „Ich komme in einer Stunde wieder“ sagt er und verschwand.   Später erzählte sie: „Mein Papa lag so friedlich da, als wenn er schläft. Und wenn er vorher auch öfter etwas gestresst ausgesehen hatte, das war vorbei und es sah so aus, als wäre manches von ihm abgefallen!  Ich habe ihn noch gestreichelt und seine Hand gehalten und das war gut so!“

Als der Erik wiederkam, merkte er, wie gut ihr diese stille Stunde getan hatte und er fragte. „Sollen wir noch jemanden von der Familie rufen? Dein Sohn Felix ist doch schon alt genug dafür, dass er sich ordentlich verabschiedet. Aber wir haben drüben in der Häfengasse auch einen Abschiedsraum, da können wir ihn ordentlich aufbahren und die Familie kann kommen und sich noch mal von ihm verabschieden. Du kannst jetzt keine Hektik gebrauchen!“

Am anderen Tag kam der Pfarrer Frohmuth ins Haus und wollte sie trösten. „Ach sagte sie, wir müssen doch dankbar sein, dass er so sterben konnte, wie er sich das gewünscht hat. Aber eins habe ich doch auf der Seele: Wie er da so friedlich lag, habe ich gar nichts gesagt, es war einfach gut, noch mal mit ihm zusammen sein zu können! Aber weil ich mich immer vor diesem Thema gefürchtet habe, sind manche Sachen nicht zur Sprache gekommen, über die wir hätten reden sollen. Ich hätte doch schon früher mal sagen sollen: „Da sind diese alten Geschichten, wo wir uns gestritten haben und wir haben das nie mehr angesprochen, Du nicht und ich nicht!“ Und ich hätte mich immer entschuldigen wollen, aber ich wusste nie, wie ich davon anfangen sollte. Und das drückt mich jetzt.“  „Ach“, antwortete der Pfarrer Frohmuth: „Der Klaus-Dieter ist doch noch gar nicht soweit weg, du kannst ihn doch noch ansprechen. Er hört dich doch noch, wenn du sagst „Entschuldigung“. Wir Menschen haben nur das Ohr / das Auge nicht dafür, aber du darfst ruhig mit ihm reden!“ „Und“, sagte er: „ich habe mal bei einer Veranstaltung im Bürgerhaus mit dem Klaus-Dieter bei einem Glas Wein zusammengesessen, und da hat er so ein bisschen was gesagt. Ich weiß, dass er dir nie was nachgetragen hat!“

Als dann die Bestattung kam, war es für Stefanie keine Trauerfeier, sondern eine Abschiedsfeier. Der Pfarrer Frohmuth erzählte von den Dingen, die Klaus-Dieter erreicht hatte, die ihm wichtig gewesen war und worüber er sich immer besonders gefreut hatte und wie wichtig ihm seine Enkelkinder Felix und Emilia gewesen waren. Und er erzählte auch davon, wie er ihn persönlich kennen gelernt hatte. Und dann sprach er davon, dass wir mit dem schwach gewordenen Leib auch alles, was schief gegangen ist im Leben beerdigen, hier auf dem Friedhof lassen. Und dass uns gute unbelastete Erinnerungen bleiben. Und dass der Klaus-Dieter nach allen Zielen seines Lebens nun unterwegs ist auf ein neues Ziel zu, in Gottes ewigem Vaterhaus. Und dann sagte er den Bibelspruch aus dem 91. Psalm, den er bei seinem Besuch mitgebracht und vorgelesen hatte: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen!“ „Und das gilt auch für den letzten Weg.“

Ein paar Tage später stand der Pfarrer Frohmuth in der Schule im Pausenhof, als Enkelsohn Felix auf ihn zuging und sagte: „Ich bin der Felix und Sie haben meinen Opa so schön beerdigt, darf ich Sie mal was fragen?"  „Mein Opa hat sich immer so gefreut, wenn ich kam. Aber dann hatte ich es immer so eilig, ich hätte mehr Zeit für ihn haben sollen, ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen!“

 Mutter Stefanie hatte das irgendwie mitbekommen, dass ihr Felix mit dem Pfarrer Frohmuth geredet hatte und dass der es irgendwie geschafft haben musste, dem Jungen zu helfen.  Sie ging extra am Sonntag in die Kirche, um ihn in Anschluss darauf anzusprechen, aber der sagte nur fröhlich: „Beichtgeheimnis! Darf ich nicht drüber reden! Aber er setzte hinzu: Alles in Ordnung!“ Und er umarmte sie, wie das so seine Art ist und sie ging ganz erleichtert nach Hause.

Als sie am Montag zum Friedhof ging, um nach dem Grab zu schauen, kam ihr natürlich ihre Nachbarin in die Quere, die immer alles wissen will. Aber schließlich konnte sie das Grab und die Blumen versorgen und hatte einen Moment für sich selbst, zum Nachdenken, und das tat ihr gut.

Dass Grabpflege mehr ist, als nur Blumen gießen, das wissen wir alle. Aber wenn Ihr wissen wollte, was man am Grab eines lieben Menschen beten kann und wie man sein Herz erleichtern kann, dann müsst ihr den Pfarrer Frohmuth fragen, der gibt euch gewiss einen guten Rat.

Dieter Borck, Pfr.i.R.

 


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