Rückschau

veröffentlicht 10.03.2026 von Reinhold Hoffmann, Ev. Kirchengemeinde Beerfelden

Zur Verabschiedung von Pfarrer Reinhold Hoffmann in Rothenberg

Liebe RothenbergerInnen, liebe Gemeinde,

Am 16. April 1998 durfte ich meinen Dienst als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rothenberg beginnen. Am 8. Februar werde ich nun entpflichtet. „Der Hoffmann ist halt in die Jahre gekommen und geht in den Ruhestand.“ Meine Entpflichtung bedeutet, dass ich keine Dienstpflicht mehr habe. „Pfarrer“ ist eine Pfarrperson jedoch auf Lebenszeit. Aber jetzt darf ich machen, was ich machen will. Nun ja, böse Zungen behaupten, das hätte ich vorher auch schon so gehandhabt.

Zwischen Dienstantritt in Rothenberg und Entpflichtung, was war da? Ich überlege, was die herausragenden Punkte in den fast achtundzwanzig vergangenen Jahren waren.

Fast 20 Jahre Weihnachtsmarkt, bis Corona einen Schlusspunkt setzte? Die Neuanlage des Außengeländes am Gemeindehaus? Die Gründung des Hospizdienstes? Der Einzug des Hospizdienstes 2010 in die ehemalige Praxis von Dr. Krauhs? Die Wanderungen an Himmelfahrt? Die Renovierung der Kirche Finkenbach? Die Neubeschreibung der Gemeindegrenzen zuvor? Die Renovierung der Kirche in Rothenberg? Die Renovierung des Gemeindehauses außen? Die Anlage des ehemaligen Schulgartens als Gottesdienstfläche- auch für Open-Air-Taufen und Hochzeiten? Die enger werdende Zusammenarbeit mit Neckarsteinach und Hirschhorn? Der Prozess EKHN 2030? Vier Kirchenvorstandswahlen? 

Alles das war spannend und aufregend. Es gab Auseinandersetzung und Lösung. Es hat Kraft gekostet. Manchmal auch Nerven. Musikalische Abendfeiern mit den Chören? Kerwe in Hainbrunn? Bockskerwe in Finkenbach? Das alles gab es, und all das war wunderbar dank Euer aller Mitwirken, Mittun und Mitdenken! Danke!

Wenn ich zurückschaue, dann sind da auch eine Fülle anderer Dinge, die mir einfallen und bei denen ich in meinen Gedanken gerne verweile: 

Da ist eine konzentriert arbeitende Gruppe im Religionsunterricht unserer Grundschule, die aus Papier kleine Häuser und Figuren baut, um die Geschichte des Jakob dazustellen. 

Da sind die KonfirmandInnen, die nach dem Tsunami 2004 eine Choreografie für eine Trauerpantomime im Vorstellungsgottesdienst entwickelten. Überhaupt: Da sind so viele Konfirmandenjahrgänge, die sich jedes Jahr auf das große Experiment eingelassen haben, mit eigenen Ideen und mit großer Hingabe einen großartigen Vorstellungsgottesdienst zu entwickeln. Wenn sie diesen dann präsentiert haben, dann durften sie mit Recht stolz auf ihre Arbeit sein.

Da sind wunderbare Erlebnisse und Abende auf den viertägigen Gemeindefahrten an die unterschiedlichsten Ziele. Sogar in Südtirol waren wir!

Da ist das Kindergartenkind, das mit strahlender Freude und zugleich mit tiefer Ernsthaftigkeit als Engel beim Krippenspiel mitwirkt und von der Liebe Gottes in der Welt erzählt. 

Da ist eine begabte und wunderbare Schülerin, die in unvorstellbarer Aufrichtigkeit im Religionsunterricht meine Frage „Was seht ihr in diesem Bild?“ mit dem Satz beantwortet: „Das Einzige, das ich sehen kann, das ist, dass der Künstler überhaupt kein Talent hat!“ Es handelte sich um ein Bild von Pablo Picasso. 

Da sind GrundschülerInnen, die heute verheiratet und teilweise Eltern sind und selbst Verantwortung für heranwachsendes Leben tragen. 

Da sind TeamerInnen im Konfirmandenunterricht, die heute Verantwortung in der dörflichen Gemeinschaft tragen, Konfirmandinnen, die in Rollenspielen ihr schauspielerisches Talent entdeckt und lieben gelernt haben. 

Da sind KirchenvorsteherInnen, die vertraute und treue WeggefährtInnen geworden sind. 

Da sind die unzähligen helfenden Hände, die bei Gemeindefesten und Veranstaltungen auf- und abgebaut, abgewaschen, bedient, geputzt, gesungen und musiziert haben.

Da sind Familien, die mir in der Zeit um eine Beerdigung ihr Vertrauen geschenkt haben. Da sind Familien, die mich an ihrem Glück bei Hochzeit und Taufe haben teilhaben lassen. Was für ein kostbares Geschenk, dass ich an so wichtigen Wendepunkten fremder Leben habe Anteil nehmen dürfen und Übergänge mit ihnen entwickeln und gestalten durfte. 

Da sind Menschen, die ich mit ihrer großen Lebenserfahrung und Lebensweisheit als SeniorInnen habe erleben und begleiten dürfen, die mir gezeigt haben, wie man auch die zunehmenden Einschränkungen und Veränderungen des Alterns in Geduld und Gelassenheit tragen kann.

Das alles sind Begegnungen und Augenblicke, an denen ich erleben durfte, dass ich für Sie und Euch Pfarrer sein durfte. Da hätte ich nicht sein können, wenn es Euch alle nicht gegeben hätte. Danke, dass ich zu Euch gehören durfte, obwohl ich keiner von Euch war. Ich erkenne, der Strauß auf dem Bild hat noch viel mehr Früchte!

Da sind HospizbegleiterInnen, die ihre Zeit und ihre Zuwendung schwerstkranken und sterbenden Menschen schenken. Ich ahne, dass ihr Engagement immer wichtiger werden wird, wenn die seelsorgerliche Begleitung in der Fläche schwieriger wird. Niemand soll sich verlassen und vergessen fühlen. Erst recht nicht, , wenn das Leben weniger und schwächer wird und dann zu Ende geht. Ich glaube, die Diakonie das wichtigste Gesicht der Gemeinden. Durch sie bekommt das verkündigte Wort Gestalt und Wahrhaftigkeit.

Aber auch das fällt mir ein: Menschen, die ich enttäuscht habe, die mir auch deutlich gesagt haben, dass ich für sie nicht, oder nicht mehr, Pfarrer sein kann. Schmerzhafte Augenblicke. Auch sie gehören dazu. Keine Ahnung, ob es diese Menschen jetzt erreicht, oder überhaupt noch erreichen kann: aber: Es tut mir leid. Ich begreife immer wieder von Neuem: Zu meinem Leben gehören auch meine Schwächen und mein Versagen.

Ich liebe die Fluchtgeschichte des Jakob. In dem Augenblick größter Verlassenheit träumt er die Verbindung zu Gott: die Himmelsleiter. Er erfährt: Beth-El, das Haus Gottes, das steht gerade dort, wo wir uns verlassen und ausgeliefert fühlen. Jakob’s Erkenntnis ist diese: Auch hier in der Verlassenheit ist Gott. Und er ist tief bewegt, denn das hätte er nie zu hoffen gewagt. Ich wünsche uns allen, dass wir das Haus Gottes immer als ein Haus erleben dürfen, das die Türen weit für uns geöffnet hat.

Eines der Projekte, die viel Zeit in Anspruch genommen haben, war sicherlich die Renovierung der Rothenberger Kirche. Es hat mehr Zeit gebraucht, als nur die Bauphase von 2017 bis 2019. Es war ein Projekt, das jeden Augenblick wert war. Wie oft habe ich hinterher hören dürfen, dass diese Kirche warm und heimelig wirke. Manche haben es so gesagt: Wenn ich die renovierte Kirche betrete, habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause. 

Ich wünsche Euch, dass sie Euch allen ein Zuhause ist und bleibt. Ein Zuhause, das Raum für jeden hat. Für die Liebhaber klassischer Musik und für die Heavy-Metal-Fans. Für die HospizbegleiterInnen und die Mitarbeitenden im Kindergottesdienst. Für die BewahrerInnen von Tradition und die Experimentierfreudigen. Für die „UreinwohnerInnen“- oder die, die sich dafür halten, und für die Zugezogenen. 

Möget Ihr in all Eurer Unterschiedlichkeit beieinander zuhause sein und Euch wärmende Geborgenheit in der Gemeinde schenken. Ihr alle macht gemeinsam die Evangelische Kirche in Rothenberg zu einer bergenden Heimat! 

Bleibt behütet!

In großer Dankbarkeit,

Reinhold