Ostern – ein Weg, der uns findet

veröffentlicht 10.03.2026 von Katrin Beisel, Ev. Kirchengemeinde Beerfelden

Wenn ich an Ostern denke, sehe ich mich als Kind wieder loslaufen – mit diesem Kribbeln im Bauch, weil irgendwo etwas versteckt sein musste.

Die Ostereiersuche war für mich das Größte. Ich suchte in der Wohnung hinter Kissen und in Schränken. Und jedes gefundene Ei fühlte sich an wie ein kleiner Gruß: Gut, dass du suchst. Es lohnt sich.

Heute merke ich: Dieses Suchen hat mich nie verlassen. Es hat nur andere Formen angenommen. Ich suche nach Zeit, nach Ruhe, nach Orientierung. Nach Worten, die tragen. Nach Begegnungen, die gut tun. Manchmal suche ich auch nach mir selbst – nach dem Glauben, der mich hält, nach dem Gott, der mir nahe sein will.

Viele von Ihnen kennen das vielleicht: Man wagt einen Schritt, ohne zu wissen, wohin er führt – und erst später erkennt man, dass er richtig war. So ging es mir. Mein eigenes Suchen hat mich auf einen Weg geführt, den ich mir früher nie zugetraut hätte: den Weg zur Prädikantin. Nicht, weil ich voller Selbstvertrauen gewesen wäre – im Gegenteil. Unsicherheit und Zweifel waren meine ständigen Begleiter. Ich habe gezögert und mich gefragt, ob ich diesem Weg überhaupt gewachsen bin.

Doch mitten in dieser Unsicherheit spürte ich: Gott ruft mich weiter. Und Menschen aus dieser Gemeinde haben mich ermutigt, getragen und begleitet. Ohne Sie wäre ich diesen Weg nicht gegangen.

Gerade dadurch wurde mir bewusst: Suchen ist nichts, was wir allein tun. Es verbindet uns miteinander. Denn wir alle kennen Zeiten, in denen wir uns fragen, wie es weitergehen soll – Zeiten, in denen wir Orientierung brauchen, in denen wir uns nach einem Licht sehnen, das unsere Schritte wieder sicher macht. Manchmal spüren wir einfach nur: Da fehlt etwas, ohne genau benennen zu können, was es ist.

Gerade in solchen Augenblicken spüre ich etwas vom Ostermorgen. Denn auch die Frauen am Grab waren Suchende. Sie machten sich auf den Weg, ohne zu wissen, was sie erwartet. Sie gingen trotz der Dunkelheit – weil ihre Sehnsucht größer war als ihre Angst. Ihr Suchen wurde nicht enttäuscht. Und unseres wird es auch nicht.

Mitten in unserem eigenen Suchen geschieht etwas, das wir nicht planen können: Ein leiser Trost meldet sich. Ein Gedanke wird klar. Ein Mensch begegnet uns so, dass es gut tut. In solchen Momenten spüren wir etwas von dem, was Ostern meint – ein stilles Licht, das aufleuchtet, ohne dass wir es herbeiführen könnten.

Ja, Ostern bleibt nicht bei einer Geschichte von damals stehen, sondern wirkt heute. Gott bleibt nicht im Grab der Vergangenheit, sondern kommt uns entgegen. Er findet uns – in unseren Fragen, in unserer Sehnsucht, in unserer Müdigkeit und in unserer Hoffnung. Und manchmal fühlt sich das an wie früher bei der Ostereiersuche: Man sucht und sucht – und plötzlich liegt etwas vor einem, das man selbst nicht hätte finden können. Ostern zeigt uns: Das Leben hat Kraft. Das Licht findet seinen Weg zu uns.

Vielleicht ist das die tiefste Wahrheit von Ostern: dass unser Suchen nicht ins Leere läuft, sondern dass wir gefunden werden – von Gott, vom Leben, von der Hoffnung. Der Ostermorgen macht deutlich: Unser Suchen ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. Denn in jedem Suchen kommt uns einer entgegen, der das Dunkel hinter sich lässt und Licht bringt, das uns aufrichtet. Ostern öffnet Zukunft und schenkt Mut.

So schließt sich der Kreis: Wir beginnen mit unserem Suchen – und wir finden uns im Licht wieder, das uns trägt. Immer wieder. Auch heute. Ostern ist Gottes „Ich bin da“ mitten in unserem Suchen – Licht, das vorausgeht, Kraft, die stärkt, Hoffnung, die neu belebt.

Der Ostermorgen führt mich zurück zu den Suchmomenten meiner Kindheit. Damals wie heute gilt: Wer sich auf den Weg macht, wer aufmerksam bleibt, wer nicht aufgibt, wird überrascht – manchmal anders, als wir es erwarten, aber oft so, dass wir sagen können: Gut, dass ich gesucht habe. Gut, dass ich mich finden ließ.

Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg schaue – auf all die Schritte, die mich bis hierher geführt haben –, dann spüre ich etwas von dieser österlichen Wahrheit: dass Gott nicht nur ruft, sondern auch stärkt. Dass er nicht nur Wege öffnet, sondern auch Menschen an die Seite stellt. Dass er uns findet – mitten im Suchen, mitten im Zweifel, mitten im Aufbruch.

So wünsche ich uns ein Osterfest voller Entdeckungen – voller Licht, voller neuer Wege und voller Vertrauen darauf, dass Gott uns entgegenkommt. So wie er es auf meinem Weg zur Prädikantin getan hat – und wie er es auch auf unseren Wegen tun wird.

Katrin Beisel