Liebe Weggefährtinnen in und um unsere Kirchengemeinden.
Manche von Euch wissen es: die Rothenberger Kirche mit ihrer Geschichte und vor Allem mit ihrer Gestaltung ist mir ein besonderes Heiligtum. Die Zahlensymbolik, das Taufbild, der Grundriss, des Gebäudes und die neue (aber ursprüngliche!) farbliche Gestaltung bedeuten mir viel.
Wenn ich einen Gottesdienst dort gestalten darf, ist es mir manchmal sehr bewusst, in was für einer langen und inhaltvollen Tradition ich dort stehen darf. Mir geht es heute um den Pfarrer, der 1882/1883 den Kirchenneubau begleitet hat. Pfarrer Emil Knodt.
Es gibt einige Besonderheiten in seiner Lebenshaltung: Da für ihn kein Leben getötet werden sollte, lebten er und seine Familie vegetarisch. Von Rothenberg aus gab er die erste deutsche Tierschutzzeitung heraus. Sein Engagement für die Menschenwürde brachte ihn zu Hinrich Wichern, mit dem er die „Irrenseelsorge“ die Seelsorge für psychisch erkrankte Menschen begründete. Als Direktor des Predigerseminars in Herborn kümmerte er sich zugewandt um die Anliegen der Pfarrvikare, was ihm den Beinamen „Papa“ Knodt eintrug. Mir ist deutlich, dass er auf vielfache und grundsätzlich lebensbejahende Art das Wirken Gottes in der Welt erlebbar und spürbar machen wollte. So ist es für fast zwangsläufig, dass er als das einzige und zentrale Bild im Chorraum die Taufe Jesu gestalten ließ. Ist die Taufe Jesu doch der Beginn des Wirkens Gottes durch Jesus den Nazarener. Dieses Bild ist mir die Entsprechung zu der Überschrift über der Kirchentür: Einer ist Euer Meister, Christus. Ihr aber sei alle Brüder.
Ich durfte dann 115 Jahre nach ihm vor dem Taufbild und vor dem Altar stehen, um in der Evangelischen Kirchengemeinde Rothenberg Dienst zu tun. Sein Vorbild war mir manchmal schwer. Sein Vorbild war mir manchmal drängende Anfrage an meine Geduld und Friedensfähigkeit, an die Treue zu meinen Überzeugungen und auch an den Inhalt meiner Überzeugungen.
Mehr als einmal stand ich vor dem Altar mit der Frage, ob ich mich meines Amtes und Auftrages würdig erweise.
Nach langer Vorbereitung durften wir 2017 endlich die grundlegende Renovierung der Kirche in Angriff nehmen. In der Folge eines geforderten Gutachtens ergab es sich, dass unter Pfarrer Knodt 1883 die Kirche in einer ansprechenden farblichen Gestaltung eingeweiht wurde. Es ist die farbliche Gestaltung, die der Kirchenvorstand bis 2019 wieder herstellen ließ. Unsere Restauratorin war Iris Urig. Ich habe sie gerne bei ihrer Arbeit beobachtet. Die Geduld, mit der sie die leichten, dünnen und zarten Goldblättchen an der Decke anbrachte, ihre Hingabe bei der Gestaltung von Details, ihr fachliches Wissen, all das hat mich beeindruckt. Sie fand auch heraus, dass im Chorraum an der Wand eine Vorhangmalerei gewesen war. Auch diese hat sie wieder hergestellt. Eines Tages ergab sich ein Gespräch. Ich hatte wahrgenommen, dass sie mal links, mal recht, mal in der Mitte die Details ausmalte. Ich wollte wissen, ob sie nicht Sorge habe bei dem ständigen Wechsel etwas zu übersehen. Sie wollte mich beruhigen:
„Haben Sie keine Angst! Das wird alles richtig sein. Ich vergesse nichts!“ Worauf ich sagte: „Das ist aber eigentlich schade. Kleine Fehler machen doch Dinge erst lebendig und einzigartig. Außerdem würde ich mich freuen, wenn nicht alles perfekt wäre, denn schließlich wäre auch unter den GottesdienstbesucherInnen niemand, der perfekt wäre. Meine Hoffnung sei, dass bei Gott auch „schwarze Schafe“ willkommen seien!“
Lächelnd gab sie zurück, dass das wohl sicher richtig sei.
Als sie ihre Arbeit fertiggestellt hatte, war ich begeistert. Fehlerfrei. Wunderschön. Ich freute mich an ihrer gelungenen Arbeit.
Dann führte sie mich näher an die Vorhangsmalerei: „Sie haben Ihr schwarzes Schaf!“
Ein blauer Punkt im Vorhang hatte ein kleines freches grinsendes Gesicht bekommen. Mein schwarzes Schaf.
Wenn ich heute mit meinen Zweifeln und Fragezeichen vor dem Altar kann ich dieses freche schwarze Schaf sehen. Es ist mir ein Anker der Hoffnung für meine Seele geworden: Mag ja sein, dass Du ein schwarzes Schaf bist. Aber auch die haben Raum in dieser Kirche!
Reinhold Hoffmann